Die Excel-Akrobatik der Zahlen-Jongleure (oder: Wenn Akademiker sich verzählen)

Wir erinnern uns an unseren „Bachelor-Helden“ aus der letzten Geschichte – den Mann, der für den Kopierer zu studiert ist. Man sollte meinen, dass jemand, der seine akademischen Weihen so vor sich herträgt, wenigstens im natürlichen Habitat eines Controllers glänzen kann: in einer Excel-Tabelle. Doch wie ich feststellen durfte, ist der Unterschied zwischen „einen Abschluss haben“ und „einfache Listen vergleichen“ manchmal so groß wie die Distanz zwischen Erde und Mond.

Das Schlachtfeld: Unsere Software-Lizenzen. Die Fronten: Die IT (wir) behauptete, wir hätten 500 Lizenzen im Spiel. Unser Controller, bewaffnet mit dem Selbstvertrauen eines Mannes, der „Akademiker“ auf seiner Visitenkarte stehen hat, hielt dagegen. Seine heilige Berechnung ergab: Wir verbrauchen nur 450.

Er hatte – nach eigener Aussage – Wochen damit verbracht, Personallisten zu wälzen und akribisch zu vergleichen. Er ließ seine Zahlen prüfen, er blieb hart: „Die IT liegt falsch. Meine Liste ist das Gesetz.“

Wir in der IT lächelten milde. Wir erklärten ihm geduldig das Konzept der „Lemming-Reserve“: Wir halten absichtlich sieben Lizenzen im Überhang, um sofort reagieren zu können, wenn mal wieder ein Schwung neuer Mitarbeiter („die Lemminge“) über die Klippe in unser Unternehmen springt. Aber 450? Das hätte bedeutet, dass 50 Leute bei uns ohne Lizenz arbeiten – ein Szenario, das in meiner Welt schlichtweg nicht existiert.

Dann kam der Moment, in dem der „böse Admin“ (ich) die Sache selbst in die Hand nahm. Ich besorgte mir die aktuelle Liste direkt aus der Personalabteilung. Anstatt wochenlang „akademisch“ darüber zu meditieren, machte ich den Abgleich. Dauer: Unter einer Stunde.

Das Ergebnis war ein Schlag in die Magengrube des Controlling-Egos: Die 450 Lizenzen waren ein reines Hirngespinst. Tatsächlich waren wir so nah an der Realität, dass es fast schon unheimlich war. Und ja, Schande über mein Haupt: Ich fand tatsächlich eine Abweichung von zwei Lizenzen. Zwei!

Der Grund war kein mathematisches Unvermögen, sondern ein profaner Fehler bei der Datenübergabe von der Personalabteilung an die IT. Ein klassischer Übertragungsfehler im System.

Während der Controller also noch seinen Bachelor feierte und sich in der Gewissheit sonnte, 50 Lizenzen „gespart“ zu haben, hatte die Realität ihn längst rechts überholt. Er hatte nicht nur die zwei fehlenden Lizenzen übersehen, sondern die restlichen 48 einfach wegrationalisiert, weil er offensichtlich zwei Tabellen nicht unfallfrei nebeneinanderlegen konnte.

Fazit: Ein akademischer Grad ist kein Ersatz für ein funktionierendes SVERWEIS-Kommando in Excel. Wer behauptet, die IT könne nicht zählen, sollte sicherstellen, dass er selbst über die Zahl Zehn hinauskommt, ohne die Schuhe auszuziehen.

In diesem Sinne: Ich kopiere vielleicht nicht für dich, aber ich rechne wenigstens richtig.

Der akademische Kopier-Exorzismus (oder: Die Würde des Bachelors)

In der IT-Welt messen wir Kompetenz in Uptime, Bandbreite und der Fähigkeit, Probleme zu lösen, bevor der Anwender merkt, dass er eins hat. In der Welt der Betriebswirtschaft – speziell in der Unterabteilung „Controlling“ – scheint die Maßeinheit jedoch eine andere zu sein: Die vermeintliche Höhe des akademischen Rosses, auf dem man sitzt.

Ein besonders glanzvolles Exemplar dieser Gattung stolzierte neulich durch eine unserer Einrichtungen. Frisch diplomiert (naja, Bachelor), bewaffnet mit einer Excel-Tabelle und einem Ego, das kaum durch die Brandschutztüren passte. Man sollte meinen, dass jemand, dessen Hauptaufgabe das Optimieren von Prozessen ist, ein gewisses Interesse an der Funktionsweise von Bürogeräten hat. Doch weit gefehlt.

Als die Situation eintrat, in der ein simples Dokument vervielfältigt werden musste – eine Aufgabe, die selbst von einer durchschnittlich begabten Amöbe nach kurzer Einweisung bewältigt werden könnte – fiel der Satz, der das gesamte Team in kollektive Schockstarre versetzte:

„Ich bin Akademiker. Ich kopiere nicht.“

Ich saß gerade an einem Switch in der Nähe und musste mich kurz am Serverschrank festhalten, um nicht vor Lachen in die USV zu kippen. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da hat jemand drei Jahre lang Grundlagen der Betriebswirtschaft studiert, um nun festzustellen, dass das Betätigen der grünen „Start“-Taste am Multifunktionsdrucker eine unzumutbare Herabwürdigung seiner akademischen Weihen darstellt.

Offensichtlich lernt man im Bachelor-Studium zwar, wie man Kostenstellen farblich markiert, aber nicht, dass die physikalische Welt auch vor Titelträgern nicht halt macht. In der Welt unseres „Zahlen-Dompteurs“ scheint die Urkunde an der Wand eine Art magisches Schutzschild gegen profane Büroarbeiten zu sein.

Ich frage mich seither: Ab welchem akademischen Grad ist man eigentlich davon befreit, sich selbst den Kaffee zu holen? Braucht man für das Heften von Akten einen Master? Und ist eine Promotion zwingend erforderlich, um den Toner zu wechseln?

Fazit: Der Bachelor schützt vor Torheit nicht – und schon gar nicht vor der Technik. Wenn man glaubt, dass man zu „studiert“ für den Kopierer ist, hat man vermutlich das wichtigste Modul im Studium verpasst: Praxistauglichkeit 1.0.

In diesem Sinne: Ich habe zwar keinen Bachelor in „Papierstau-Management“, aber ich bediene den Drucker trotzdem. Vielleicht, weil ich als Admin weiß, dass der Maschine dein Titel völlig egal ist – sie frisst dein Papier so oder so.

ERP-Voodoo und die Geister der toten Festplatten

Wir erinnern uns an die „Architektin der bürokratischen Ordnung“ – die Frau, die während der Pandemie Masken nach einem strengen Nagel-System ausdünsten ließ. Wie sich herausstellt, ist ihr Talent für komplexe Strukturen nicht auf Textilien beschränkt. In ihrer Zweitrolle als „Hohepriesterin des Qualitätsmanagements (QM)“ lud sie zur Sitzung, um über das heilige Sakrament des Datenschutzes zu sprechen.

Das Thema: Die Vernichtung von Festplatten. Nachdem wir jahrelang Datenmüll angesammelt hatten, sollte nun alles DSGVO-konform in den Schredder wandern. Und natürlich muss im QM-Land jedes Staubkorn dokumentiert werden. Wir in der IT, pragmatisch wie wir sind, schlugen vor: „Wir haben zwar keine spezialisierte ‚Exitus-Software‘ für Hardware, aber wir können eine wunderbare Excel-Tabelle führen. Seriennummer rein, Datum der Vernichtung daneben, fertig.“

Eigentlich ein sauberer Prozess. Aber nicht für unsere QM-Meisterin.

Sie starrte uns an, als hätten wir gerade vorgeschlagen, die Dokumentation mit Kreide auf den Asphalt vor dem Büro zu malen. Ihre Vision war größer, glanzvoller, bürokratischer. Mit der Autorität einer Frau, die weiß, dass alles irgendwo „hinterlegt“ sein muss, schleuderte sie uns ihr ultimatives Argument entgegen:

„Ich verstehe das nicht! Wir haben doch eine Warenwirtschaft. Da muss man so was doch eintragen können!“

In diesem Moment blieb die Zeit kurz stehen. Ich sah vor meinem geistigen Auge, wie wir versuchen, eine geschredderte, in tausend Teile zerlegte Festplatte als „Lagerbestand“ zu führen. Eine Warenwirtschaft ist – wie der Name für Menschen mit logischem Verstand vermuten lässt – für Waren da. Für Dinge, die man kauft, verkauft oder im Regal liegen hat.

Ein ERP-System ist kein digitaler Friedhof für Hardware-Asche.

Ich versuchte vorsichtig zu erklären, dass das System dafür da ist, Dinge zu verwalten, die noch existieren. Aber Logik ist gegen den Willen einer QM-Meisterin machtlos. Sie wollte es nicht verstehen. Sie wollte eine Schaltfläche in der Warenwirtschaft, die vermutlich „In den Orkus werfen“ heißt.

Das Ergebnis? Ein wütender Blick, ein verbales „Peng“ und eine beleidigte Stille, die so dick war, dass man sie in der Warenwirtschaft hätte inventarisieren können.

Fazit: Nur weil eine Software ein Feld für „Bemerkungen“ hat, bedeutet das nicht, dass man dort das gesamte Ableben der IT-Infrastruktur protokollieren sollte. Aber hey, im QM zählt nicht die Lösung, sondern das Gefühl, dass es irgendwo in einem System steht, das dafür absolut nicht gebaut wurde.

Der IT-Messias vom Dienst (oder: Der Eine Server, sie alle zu knechten)

In der IT gibt es einen speziellen Typ Mensch, der gefährlicher ist als jeder Verschlüsselungstrojaner: Der Controller mit „IT-Affinität durch Verwandtschaft“.

Vor der Pandemie glich unsere Infrastruktur einem digitalen Flickenteppich. Wir waren dezentral aufgebaut, jeder Standort kochte sein eigenes Süppchen, und der Datenaustausch erfolgte wahlweise per E-Mail oder – gefühlt – per Brieftaube. Dann kam Corona, und plötzlich musste alles schnell gehen. Für uns in der IT war es die Chance: Endlich konnten wir das jahrelang geplante, voll virtualisierte Rechenzentrum in die Tat umsetzen. Ein Meilenstein, ein technologischer Quantensprung.

Doch dann betrat die Bühne: Der Diplom-Betriebswirt. Kaufmann alter Schule, Herr der Zahlen und – was viel schlimmer war – stolzer Vater eines Sohnes, der „erfolgreich in der IT-Branche“ arbeitet. Diese Kombination verlieh ihm in seinen eigenen Augen die Kompetenz eines Silicon-Valley-Gurus.

Seine „ultimative Lösung“ für unser 500-Mitarbeiter-Problem? Ein Geniestreich der betriebswirtschaftlichen Sparsamkeit.

Sein Plan: Warum teure Cluster und Virtualisierung, wenn man auch einen (1) Server aufstellen kann? Seine technischen Spezifikationen waren so präzise wie größenwahnsinnig: Man nehme etwa 1 TB Arbeitsspeicher und 2 TB Festplatte und lasse darauf einfach alle 500 Mitarbeiter gleichzeitig per Terminal-Lösung arbeiten.

In seiner Excel-Welt war das eine hocheffiziente Ein-Box-Lösung. In der Realität der Informatik wäre dieses System beim ersten Montagmorgen-Login schneller implodiert als ein schlechtes Soufflé. Es war der Versuch, den gesamten Berufsverkehr des Ruhrgebiets durch eine einzige Tiefgarageneinfahrt zu pressen – und dabei zu erwarten, dass alle mit 120 km/h durchrauschen.

Zum Glück siegte am Ende der gesunde Menschenverstand (und die IT-Abteilung). Wir ignorierten die „Expertise“ des passiven IT-Vaters und setzten unsere professionelle Virtualisierung durch.

Fazit: Nur weil dein Sohn in der IT arbeitet und du eine Bilanz lesen kannst, bist du noch lange kein Systemarchitekt. Ein Rechenzentrum plant man mit Sachverstand, nicht mit BWL-Voodoo und dem Prinzip Hoffnung. Das Ergebnis? Es läuft. Stabil. Ohne den „Einen Server“.

Der Geisterdrucker (oder: Effizienz auf die harte Tour)


Es gibt Momente im Leben eines Systemadministrators, in denen man an seinem eigenen Verstand zweifelt – oder an der physikalischen Beschaffenheit der Realität. Unser ehrwürdiger Dr. Methusalem, der Mann, der medizinische Diagnosen stellt, während er die Digitalisierung für eine vorübergehende Modeerscheinung hält, rief mich mit bebender Stimme an.

Das Problem: Die Entlassungsberichte. Laut seiner Aussage war der Drucker besessen. Er produzierte Berichte, auf denen zwei verschiedene Patienten gleichzeitig standen – übereinander gedruckt, wie eine Art kryptisches Palimpsest aus der medizinischen Steinzeit.

Ich testete das System. Ich prüfte die Warteschlangen, die Treiber, die Datenbanken. Ergebnis: Alles im grünen Bereich. Die Technik tat genau das, was sie sollte. Also wagte ich den Schritt, den man bei einer Kapazität seines Kalibers nur mit äußerster Vorsicht geht. Ich stellte die „System-Frage“:

„Herr Doktor, kann es sein, dass Sie… eventuell… bereits bedrucktes Papier noch einmal in den Drucker eingelegt haben?“

Was dann folgte, war ein verbales Gewitter, das selbst die stabilste VPN-Leitung zum Erzittern gebracht hätte. Mit einer Mischung aus Entsetzen und aristokratischem Zorn pflaumte er mich an. Das sei eine „fürchterliche Behauptung“, eine Beleidigung seines Intellekts und schlichtweg unmöglich. In seiner Welt ist Papier heilig und der Drucker eine Einbahnstraße.

Da ich aber seit Anfang 2000 dabei bin, habe ich eines gelernt: Vertrauen ist gut, ein Vor-Ort-Termin ist besser. Ich schickte einen meiner „Außendienst-Agenten“ (einen mutigen Mitarbeiter) in die Höhle des Löwen, um das Papierfach einer Inspektion zu unterziehen.

Und siehe da: Ein Wunder der Nachhaltigkeit! Im Schacht des Druckers lag ein bunter Stapel aus bereits bedruckten Formularen, alten Notizen und – man höre und staune – Teilen von Entlassungsberichten des Vortages. Dr. Methusalem hatte im Eifer des Gefechts (oder im Geiste des extremen Recyclings) einfach den alten Stapel wieder obenauf gelegt.

Die physikalische Realität ist eben grausam: Wenn man ein bereits bedrucktes Blatt Papier noch einmal durch den Laser jagt, entsteht kein neues Dokument, sondern ein administratives Suchbild.

Fazit: Man kann noch so viele Sicherheitsupdates installieren – gegen den menschlichen Drang, Papier doppelt zu nutzen, ist kein Kraut gewachsen. In der Welt der Hochleistungsmedizin nennt man das vielleicht „Ressourcenschonung“, in der IT nennen wir es schlicht „Doppel-Wumms auf A4“.

In diesem Sinne: Prüfet die Fächer, bevor ihr den Admin verflucht.

Plug and Pray: Das Mysterium des verschwundenen Senders


In einer Klinik hat man es oft mit Kapazitäten zu tun, deren medizinisches Wissen ganze Bibliotheken füllt. Doch wenn die Grenze zwischen Biologie und Silizium überschritten wird, stoßen selbst die brillantesten Köpfe an ihre Grenzen. Wir haben einen Arzt – nennen wir ihn „Dr. Methusalem“ – der bereits praktizierte, als man Computer noch mit Lochkarten fütterte. Ich habe tiefsten Respekt vor seinem Alter und seiner Erfahrung, aber technisch gesehen leben wir in verschiedenen Paralleluniversen.

Als seine Maus das zeitliche segnete, wollte ich als vorbildlicher Supporter natürlich glänzen. Keine Reparaturversuche, keine halben Sachen – ich bestellte per Express bei einem großen Versandriesen direkt neues Equipment. Die Lieferung schlug wenig später in der Klinik auf. Ein Kinderspiel, sollte man meinen: Auspacken, anschließen, loslegen.

Doch die moderne Technik hatte eine Falle eingebaut, mit der Dr. Methusalem nicht gerechnet hatte: Das Konzept der „Kabellosigkeit“.

Anstatt den Rechner mit der neuen Hardware bekannt zu machen, passierte erst einmal gar nichts. In der Welt unseres ehrwürdigen Mediziners war das Urteil schnell gefällt: „Das Gerät ist defekt.“ Mit der vermeintlich kaputten Maus unter dem Arm marschierte er schnurstracks zu einem von mir sehr geschätzten Menschen in der Verwaltung – einer Frau, die schon so ziemlich jeden IT-Irrsinn miterlebt hat und für ihre Geduld heiliggesprochen werden müsste.

Dort legte er das Corpus Delicti auf den Tisch und beklagte den Totalausfall der Technik. Sie, die mittlerweile einen siebten Sinn für solche Situationen entwickelt hat, traute ihren Augen kaum. Sie nahm die Maus in die Hand, drehte sie mit einem geübten Griff um und öffnete das kleine Fach an der Unterseite.

Dort, tief im Inneren des Gehäuses, schlummerte er: Der USB-Dongle. Das kleine Stück Plastik, das den PC erst wissen lässt, dass er jetzt ferngesteuert wird. Dr. Methusalem hatte die Maus zwar ausgepackt, aber das Konzept, dass ein Teil der Maus in die Maus gehört, um dann aus der Maus in den PC zu wandern, war wohl eine Abstraktionsebene zu viel.

Die Kollegin zeigte ihm den Dongle mit dem sanften Lächeln einer Person, die gerade ein Wunder vollbracht hat. „Schauen Sie, Herr Doktor, hier steckt das Geheimnis.“

Fazit: Wir schicken Sonden zum Mars und operieren mit Lasern, aber der größte Endgegner der modernen Medizin bleibt ein USB-Stick, der sich in einem Batteriefach versteckt. Drahtlose Freiheit ist eben nur so gut wie derjenige, der den Stecker (oder eben den Dongle) findet.

In diesem Sinne: Immer erst unter die Haube schauen, bevor man den Totenschein für die Hardware ausstellt.


Es werde Licht – aber bitte nicht am Cursor (oder: Die energetische Maus-Heilung)


Manchmal gibt es Momente im Support, in denen man kurz davor ist, die eigene Approbation als Systemadministrator feierlich zu verbrennen. Es war vor ein paar Jahren, als mich der Hilferuf aus einer Klinik erreichte. Am anderen Ende: Eine Krankenschwester, die mit der Gesamtsituation ihrer Peripherie sichtlich überfordert war. Das Problem? Die Maus war tot. Klinisch tot.

Da ich meinen Job ernst nehme, begann ich mit der Standard-Reanimation. Es handelte sich um eine klassische, kabelgebundene Maus. Da unter dem Gehäuse absolut nichts leuchtete, starteten wir eine investigative Reise entlang des Kabels. Ich am Telefon, die Kollegin auf den Knien.

„Folgen Sie dem Kabel“, sagte ich mit der Geduld eines Zen-Meisters. Wir verfolgten den Weg des schwarzen Drahtes über den vollgestellten Schreibtisch, vorbei an Patientenakten und Kaffeetassen. Ich erwartete das übliche Ende: einen herausgerutschten Stecker am PC-Gehäuse oder – im schlimmsten Fall – einen Kabelbruch.

Doch was ich zu diesem Zeitpunkt für physikalisch unmöglich hielt, wurde in diesem Moment zur bitteren Realität. Die Kollegin besaß eine moderne Schreibtischlampe. Eine dieser Lampen, die einen USB-Anschluss besitzen, um Smartphones oder andere Kleingeräte zu laden.

Und genau dort war der Point of No Return erreicht. Mit einer bewundernswerten Logik hatte die gute Seele die Maus nicht etwa im Computer versenkt, sondern direkt in der Lampe.

In ihrer Welt war USB wohl einfach USB. Dass die Lampe zwar Licht spendet, aber leider nicht über ein Betriebssystem verfügt, das Zeigerbewegungen interpretiert, war ein Detail, das in der Hitze des Klinikalltags schlichtweg unterging. Die Maus war zwar nun technisch gesehen „bestens mit Strom versorgt“ und vielleicht die am hellsten beleuchtete Maus im ganzen Gebäude, aber auf dem Monitor rührte sich – wenig überraschend – absolut nichts.

Ich saß fassungslos vor meinem Telefon und überlegte kurz, ob ich erklären sollte, dass eine Lampe kein Mainboard ist. Ich entschied mich für die diplomatische Variante und bat sie, das „Energiesparmodell“ doch bitte wieder mit dem grauen Kasten unter dem Tisch zu verbinden.

Fazit: Wenn die Technik streikt, hilft manchmal kein Neustart, sondern nur ein Exorzismus an der Schreibtischbeleuchtung. Wir leben im 21. Jahrhundert: Wir laden unsere Handys an der Lampe, unsere Autos an der Steckdose und versuchen scheinbar, unsere Computer per Lichtwellen-Induktion über die Maus zu steuern.

In diesem Sinne: Immer schön hell bleiben, aber den Stecker bitte in den PC.


Das Kontroll-Paradoxon (oder: Der digitale Sonnenuntergang um 16:50 Uhr)


Es gibt eine goldene Regel in der Welt der Führungskräfte: Wer alles wissen will, muss auch alles lesen können. Doch wie ich in einer der letzten Teams-Sitzungen zur neuen Einrichtung lernen durfte, klaffen Wunsch und Wirklichkeit manchmal so weit auseinander, dass man den Spalt bequem mit einem Aktenordner füllen könnte.

Unsere Protagonistin – nennen wir sie die „Göttin der lückenlosen Überwachung“ – hatte in der Vergangenheit unmissverständlich klargestellt: Nichts, aber auch gar nichts, darf ohne ihre Kenntnis geschehen. Jede E-Mail, jeder Furz im System sollte über ihren Schreibtisch gehen. Kontrolle ist schließlich das neue Vertrauen.

Doch in dieser besagten Videokonferenz erlebten wir die spektakuläre Implosion dieses Konzepts. Das Bild in meiner Teams-Kachel verfärbte sich langsam von einem gesunden Büro-Teint in ein bedrohliches Magenta. Ich war kurz davor, den betriebsärztlichen Notdienst zu rufen, weil ich ernsthaft um die Integrität ihrer Blutgefäße bangte. Aber keine Sorge: Ich habe den Notdienst nicht gerufen – ich wollte die Show schließlich nicht vorzeitig beenden.

Sie redete sich um Kopf und Kragen, stammelte vor Wut und Verzweiflung und ließ ihren ungefilterten Unmut über die „E-Mail-Flut“ in die Runde ergießen. Offensichtlich hatte die Realität sie mit ihren eigenen Forderungen erschlagen. Inmitten dieser verbalen Kernschmelze meldete sich plötzlich eine andere Leitungskraft trocken zu Wort und gab ihr den wohl wichtigsten Rat des Tages:

„Atmen nicht vergessen!“

Und dann kam die Offenbarung, die mir fast das Headset vom Kopf rutschen ließ: In einem Moment seltener (und vermutlich ungewollter) Ehrlichkeit gestand sie, dass sie es oft erst gegen Feierabend schafft, überhaupt den Rechner einzuschalten. Um 16:50 Uhr – also zehn Minuten vor dem offiziellen Ende der Zivilisation – wagt sie den mutigen Blick in das digitale Postfach.

Man muss sich das bildlich vorstellen: Während der Rest der Welt den Arbeitstag reflektiert oder bereits den ersten Feierabend-Kaffee genießt, drückt die Leitungskraft den Power-Knopf, um sich den Frust des restlichen Tages in geballter Ladung abzuholen. Es ist eine ganz eigene Form von Masochismus. Die Auswirkungen dieser „High-Speed-Administration“ ließen nicht lange auf sich warten. Meine hochqualifizierte Verwaltung flüsterte mir heute zu, dass die Dame gerade eben – wir haben Mitte Februar – ein Dokument vom 13. des Monats „zur Kenntnis genommen“ hat. Ein Zeitverzug, der in der IT-Welt einer halben Ewigkeit entspricht, in der Welt der totalen Kontrolle aber wohl als „gründliche Prüfung“ durchgeht.

Fazit: Wenn du der Kapitän sein willst, solltest du das Schiff nicht erst betreten, wenn es bereits im Hafen liegt und die Mannschaft schon beim Landgang ist. Wer die totale Kontrolle fordert, aber erst um zehn vor fünf die digitale Welt betritt, darf sich nicht wundern, wenn ihn die E-Mails wie eine Lawine überrollen.

In diesem Sinne: Ich schalte meinen Rechner morgen auch erst um 16:55 Uhr ein. Mal sehen, wie weit ich mit der Strategie komme.

Die Pandemie-Chroniken: Das Hochamt der Baumwoll-Infrastruktur

Man sagt ja, Krisen bringen das Beste im Menschen hervor. Oder eben das, was sie für das Beste halten. Während ich im Jahr 2020 versuchte, ein ganzes Unternehmen innerhalb von 48 Stunden ins Homeoffice zu prügeln und dabei fast täglich an der Stabilität von VPN-Tunneln verzweifelte, blühte an anderer Stelle eine ganz eigene Form der „Systemrelevanz“ auf.

In den heiligen Hallen der Chef-Etage residierte die „Hüterin des administrativen Grals“ – offiziell eine Sekretärin, inoffiziell jedoch die unangefochtene Architektin der bürokratischen Ordnung. Da der Weltmarkt für medizinische Masken damals leergefegt war, griff man zur Selbsthilfe. Doch wo andere einfach ein Stück Stoff vor das Gesicht banden, sah unsere Chef-Koordinatorin eine Gelegenheit für ein logistisches Meisterwerk.

Sie erschuf das „Handbuch zur fachgerechten Masken-Rotation“.

Es handelte sich um ein bebildertes Opus Magnum, das in seiner Detailverliebtheit vermutlich selbst die DIN-Normen für Raumfahrtbauteile in den Schatten gestellt hätte. Der Kern dieser bahnbrechenden Innovation war ein präzises Schaubild einer Wand, die mit einer Armee von Nägeln bestückt war. Aber nicht irgendwelche Nägel. Es war eine strategisch geplante „Nagel-Infrastruktur“.

Jede selbstgenähte Maske hatte ihren festen Platz. Es gab genaue Anweisungen, wann welche Maske (Modell „Blümchen blau“ vs. Modell „Karomuster“) zum Einsatz kommen durfte. Der Höhepunkt war jedoch die mathematisch fundierte „Ausdünstungs-Phase“. Die Masken durften sich auf keinen Fall berühren – Abstandsregeln galten im Geiste der Chef-Etage offensichtlich auch für unbelebte Textilien.

Detaillierte Diagramme zeigten den exakten Winkel und den notwendigen Sicherheitsradius zwischen den am Nagel hängenden Stofffetzen, damit die Viren – so die Theorie – in Ruhe und geordnet ihren Rückzug antreten konnten, ohne auf die benachbarte Maske überzusiedeln.

Ich stand fassungslos vor diesem Aushang und fragte mich kurzzeitig, ob ich vielleicht das falsche Studium gewählt hatte. Während ich mich mit Server-Latenzen und Bandbreiten herumschlug, wurde hier die Weltrettung über eine Nagelwand in der Teeküche koordiniert. Es war die Geburtsstunde des „administrativen Exorzismus“: Wenn man das Chaos nur fest genug auf ein Stück Papier mit Pfeilen und bunten Bildern bannt, verliert selbst eine Pandemie ihren Schrecken.

Fazit: Man braucht keine KI, wenn man eine Sekretärin mit einem Hammer, einer Schachtel Nägel und zu viel Zeit für MS Paint hat. Die IT mag das Rückgrat der Firma sein, aber die wahre Macht hängt an einem Nagel in der Wand – mit exakt 15 Zentimetern Sicherheitsabstand.


Das Mysterium des versiegelten Umschlags (oder: Der digitale Abgrund in der Teams-Kachel)

Umschlags (oder: Der digitale Abgrund in der Teams-Kachel)

Man sollte meinen, dass man nach über zwei Jahrzehnten im Dienst der IT-Infrastruktur alles gesehen hat. Ich habe Serverräume gesehen, die eher an Feuchtbiotope erinnerten, und Tastaturen, in denen ganze Ökosysteme blühten. Doch nichts – absolut nichts – bereitet einen auf die psychologische Kernschmelze vor, die eine simple Briefmarke in einer Videokonferenz auslösen kann.

Kürzlich gab es eine Teams-Sitzung für eine neu gegründete Einrichtung. In der Galerie-Ansicht leuchteten die Kacheln der Crème de la Crème der Leitungsebene, bereit, über die großen strategischen Fragen der Zukunft zu entscheiden. Man spürte förmlich den Geist der Innovation durch die Glasfaserkabel wehen – bis das Gespräch auf ein Thema kam, das die Grundfesten der modernen Zivilisation zu erschüttern drohte: Die Briefpost.

In dieser neuen Einrichtung gibt es aus – nennen wir es mal „architektonisch-physikalischen Gründen“ – keinen Platz für eine Verwaltung. Also auch kein Vorzimmer, in dem jemand sitzt und den ganzen Tag mit einem Brieföffner ficht. Ein logistisches Problem? Vielleicht. Ein Grund für ein medizinisches Bulletin vor laufender Webcam? Scheinbar ja.

Was dann geschah, lässt sich nur als „Post-Traumatisches Belastungssyndrom“ in Full-HD beschreiben. Die neue Einrichtungsleitung – nennen wir sie der Einfachheit halber „Frau Dr. Wichtig“ – geriet beim bloßen Gedanken an einen eintreffenden Umschlag in eine solche Rage, dass die deutsche Grammatik spontan den Dienst quittierte.

Während sie sich vor ihrem Laptop in einen regelrechten Rausch redete, begann sie zu stammeln, während ihr Bild vermutlich wegen des erhöhten Blutdrucks fast anfing zu ruckeln. Es ging um die existenzielle Frage: Wer wagt es, einen Brief zu öffnen? Und – Gott bewahre – wer soll diesen dann auch noch einscannen?

In ihrer Welt ist das Öffnen eines Umschlags offensichtlich eine Tätigkeit, für die man mindestens drei akademische Grade oder die soziale Stellung eines Leibeigenen im 12. Jahrhundert benötigt. „Das… das… das geht gaaaar nicht!“, echote es aus den Lautsprechern. Man hätte meinen können, ich hätte sie gebeten, den Atommüll von Tschernobyl mit einer Kaffeetasse umzufüllen. Dass eine Einrichtungsleitung mit ihren eigenen, heiligen Händen ein Stück Papier aus einer Hülle zieht und unter einen Scanner legt, scheint eine Verletzung der Genfer Konventionen darzustellen – und das Ganze wurde live und in Farbe via Teams in die Wohnzimmer und Büros der anderen Teilnehmer übertragen.

Ich saß fassungslos vor meinem Monitor, starrte auf die stammelnde Kachel und fragte mich, wie wir es eigentlich seit dem Jahr 2000 geschafft haben, als Spezies zu überleben. Wir sitzen in einer hochmodernen Videokonferenz, diskutieren über Digitalisierung und scheitern aber krachend an der logistischen Herausforderung eines DIN-A4-Blattes.

Fazit: Wenn du denkst, die Technik ist dein größtes Problem, hast du die Rechnung ohne den Endgegner „Papier“ gemacht. In diesem Sinne: Schickt mir keine Briefe. Es könnte zu Spontan-Stammeln in der nächsten Teams-Sitzung führen.