Man sagt ja, Krisen bringen das Beste im Menschen hervor. Oder eben das, was sie für das Beste halten. Während ich im Jahr 2020 versuchte, ein ganzes Unternehmen innerhalb von 48 Stunden ins Homeoffice zu prügeln und dabei fast täglich an der Stabilität von VPN-Tunneln verzweifelte, blühte an anderer Stelle eine ganz eigene Form der „Systemrelevanz“ auf.
In den heiligen Hallen der Chef-Etage residierte die „Hüterin des administrativen Grals“ – offiziell eine Sekretärin, inoffiziell jedoch die unangefochtene Architektin der bürokratischen Ordnung. Da der Weltmarkt für medizinische Masken damals leergefegt war, griff man zur Selbsthilfe. Doch wo andere einfach ein Stück Stoff vor das Gesicht banden, sah unsere Chef-Koordinatorin eine Gelegenheit für ein logistisches Meisterwerk.
Sie erschuf das „Handbuch zur fachgerechten Masken-Rotation“.
Es handelte sich um ein bebildertes Opus Magnum, das in seiner Detailverliebtheit vermutlich selbst die DIN-Normen für Raumfahrtbauteile in den Schatten gestellt hätte. Der Kern dieser bahnbrechenden Innovation war ein präzises Schaubild einer Wand, die mit einer Armee von Nägeln bestückt war. Aber nicht irgendwelche Nägel. Es war eine strategisch geplante „Nagel-Infrastruktur“.
Jede selbstgenähte Maske hatte ihren festen Platz. Es gab genaue Anweisungen, wann welche Maske (Modell „Blümchen blau“ vs. Modell „Karomuster“) zum Einsatz kommen durfte. Der Höhepunkt war jedoch die mathematisch fundierte „Ausdünstungs-Phase“. Die Masken durften sich auf keinen Fall berühren – Abstandsregeln galten im Geiste der Chef-Etage offensichtlich auch für unbelebte Textilien.
Detaillierte Diagramme zeigten den exakten Winkel und den notwendigen Sicherheitsradius zwischen den am Nagel hängenden Stofffetzen, damit die Viren – so die Theorie – in Ruhe und geordnet ihren Rückzug antreten konnten, ohne auf die benachbarte Maske überzusiedeln.
Ich stand fassungslos vor diesem Aushang und fragte mich kurzzeitig, ob ich vielleicht das falsche Studium gewählt hatte. Während ich mich mit Server-Latenzen und Bandbreiten herumschlug, wurde hier die Weltrettung über eine Nagelwand in der Teeküche koordiniert. Es war die Geburtsstunde des „administrativen Exorzismus“: Wenn man das Chaos nur fest genug auf ein Stück Papier mit Pfeilen und bunten Bildern bannt, verliert selbst eine Pandemie ihren Schrecken.
Fazit: Man braucht keine KI, wenn man eine Sekretärin mit einem Hammer, einer Schachtel Nägel und zu viel Zeit für MS Paint hat. Die IT mag das Rückgrat der Firma sein, aber die wahre Macht hängt an einem Nagel in der Wand – mit exakt 15 Zentimetern Sicherheitsabstand.