Das Mysterium des versiegelten Umschlags (oder: Der digitale Abgrund in der Teams-Kachel)

Umschlags (oder: Der digitale Abgrund in der Teams-Kachel)

Man sollte meinen, dass man nach über zwei Jahrzehnten im Dienst der IT-Infrastruktur alles gesehen hat. Ich habe Serverräume gesehen, die eher an Feuchtbiotope erinnerten, und Tastaturen, in denen ganze Ökosysteme blühten. Doch nichts – absolut nichts – bereitet einen auf die psychologische Kernschmelze vor, die eine simple Briefmarke in einer Videokonferenz auslösen kann.

Kürzlich gab es eine Teams-Sitzung für eine neu gegründete Einrichtung. In der Galerie-Ansicht leuchteten die Kacheln der Crème de la Crème der Leitungsebene, bereit, über die großen strategischen Fragen der Zukunft zu entscheiden. Man spürte förmlich den Geist der Innovation durch die Glasfaserkabel wehen – bis das Gespräch auf ein Thema kam, das die Grundfesten der modernen Zivilisation zu erschüttern drohte: Die Briefpost.

In dieser neuen Einrichtung gibt es aus – nennen wir es mal „architektonisch-physikalischen Gründen“ – keinen Platz für eine Verwaltung. Also auch kein Vorzimmer, in dem jemand sitzt und den ganzen Tag mit einem Brieföffner ficht. Ein logistisches Problem? Vielleicht. Ein Grund für ein medizinisches Bulletin vor laufender Webcam? Scheinbar ja.

Was dann geschah, lässt sich nur als „Post-Traumatisches Belastungssyndrom“ in Full-HD beschreiben. Die neue Einrichtungsleitung – nennen wir sie der Einfachheit halber „Frau Dr. Wichtig“ – geriet beim bloßen Gedanken an einen eintreffenden Umschlag in eine solche Rage, dass die deutsche Grammatik spontan den Dienst quittierte.

Während sie sich vor ihrem Laptop in einen regelrechten Rausch redete, begann sie zu stammeln, während ihr Bild vermutlich wegen des erhöhten Blutdrucks fast anfing zu ruckeln. Es ging um die existenzielle Frage: Wer wagt es, einen Brief zu öffnen? Und – Gott bewahre – wer soll diesen dann auch noch einscannen?

In ihrer Welt ist das Öffnen eines Umschlags offensichtlich eine Tätigkeit, für die man mindestens drei akademische Grade oder die soziale Stellung eines Leibeigenen im 12. Jahrhundert benötigt. „Das… das… das geht gaaaar nicht!“, echote es aus den Lautsprechern. Man hätte meinen können, ich hätte sie gebeten, den Atommüll von Tschernobyl mit einer Kaffeetasse umzufüllen. Dass eine Einrichtungsleitung mit ihren eigenen, heiligen Händen ein Stück Papier aus einer Hülle zieht und unter einen Scanner legt, scheint eine Verletzung der Genfer Konventionen darzustellen – und das Ganze wurde live und in Farbe via Teams in die Wohnzimmer und Büros der anderen Teilnehmer übertragen.

Ich saß fassungslos vor meinem Monitor, starrte auf die stammelnde Kachel und fragte mich, wie wir es eigentlich seit dem Jahr 2000 geschafft haben, als Spezies zu überleben. Wir sitzen in einer hochmodernen Videokonferenz, diskutieren über Digitalisierung und scheitern aber krachend an der logistischen Herausforderung eines DIN-A4-Blattes.

Fazit: Wenn du denkst, die Technik ist dein größtes Problem, hast du die Rechnung ohne den Endgegner „Papier“ gemacht. In diesem Sinne: Schickt mir keine Briefe. Es könnte zu Spontan-Stammeln in der nächsten Teams-Sitzung führen.


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