In der Hierarchie der deutschen Haushalte gibt es ein Gerät, das über allem steht: die Fritz!Box. Dieses kleine, rot-weiße Wunderwerk der Technik ist für den Durchschnittsdeutschen nicht nur ein Router, sondern ein Statussymbol, ein technisches Orakel und – in den Augen unserer Führungsebene – der ultimative Beweis dafür, dass die IT-Abteilung eigentlich gar nicht gebraucht wird.
Es ist ein Phänomen, dem ich fast täglich begegne. Eine Leitungskraft betritt mein Büro, den Blick voller Mitleid für meine komplexen Serverschränke und Firewall-Cluster, und lässt die Bombe platzen:
„Wissen Sie, ich habe zu Hause eine Fritz!Box. Die kann Telefonie genauso gut wie Ihre teure Anlage. Eigentlich kann die sogar mehr. Und sie ist viel besser. Warum ist die IT eigentlich nicht in der Lage, so eine Telefonanlage zu bedienen? Das läuft doch alles übers Internet – und Internet ist doch IT-Sache, oder?“
Das Wunder von AVM vs. Die Realität der Enterprise-Technik
Es ist rührend. In der Welt der Leitungsebene ist die Vernetzung von 500 Mitarbeitern, verschiedenen Standorten, VLANs, Quality of Service für VoIP und komplexen Sicherheitsarchitekturen exakt dasselbe wie das Anschließen eines DECT-Telefons im heimischen Flur.
Für einen „Fritz!Box-Fachexperten“ ist die Sache klar:
- Komplexität? Gibts nicht. Man klickt im Menü auf „Telefoniegeräte einrichten“ und fertig.
- Feinheiten der VoIP-Telefonie? Braucht kein Mensch. Wenn das Gespräch abbricht, startet man halt den Router neu.
- Ausbildung und Spezialisierung? Völlig überbewertet. Wer zu Hause erfolgreich das WLAN-Passwort geändert hat, ist quasi zum Netzwerk-Spezialisten aufgestiegen und könnte morgen problemlos den Backbone eines Internet-Providers übernehmen.
Wenn der Heimvorteil zum Firmen-Nachteil wird
Es ist faszinierend, dass die Leitungsebene denkt, wir in der IT wären einfach nur zu unfähig oder zu stur, um die „überlegene“ Heimtechnik einzusetzen. Dass ein professioneller Netzwerk-Ausrüster Dinge wie Ausfallsicherheit, Lastverteilung und hunderte gleichzeitige Sprachkanäle beherrscht, die eine Fritz!Box bei der dritten Parallelverbindung zum Schmelzen bringen würden, wird als „unnötiges IT-Gequatsche“ abgetan.
Aber so ist es im Zeitalter der Consumer-Elektronik: Wer eine App installieren kann, hält sich für einen Software-Entwickler. Und wer eine Fritz!Box im Keller stehen hat, fühlt sich qualifiziert, die IT-Strategie eines Unternehmens mit hunderten Mitarbeitern zu diktieren.
Fazit: Nur weil man ein Auto unfallfrei in die Garage fahren kann, ist man noch lange kein Chefmechaniker für die Formel 1. Aber in der Welt unserer Chefs ist das „Fritz!Box-Diplom“ die höchste akademische Weihe, die man im Bereich Netzwerktechnik erreichen kann.
In diesem Sinne: Ich überlege gerade, unser gesamtes Rechenzentrum durch drei Fritz!Boxen und ein paar Mehrfachsteckdosen zu ersetzen. Das spart Kosten, und die Chef-Etage kann endlich bei der Konfiguration mithelfen – sie wissen ja schließlich, wie es geht.