Das Kontroll-Paradoxon (oder: Der digitale Sonnenuntergang um 16:50 Uhr)


Es gibt eine goldene Regel in der Welt der Führungskräfte: Wer alles wissen will, muss auch alles lesen können. Doch wie ich in einer der letzten Teams-Sitzungen zur neuen Einrichtung lernen durfte, klaffen Wunsch und Wirklichkeit manchmal so weit auseinander, dass man den Spalt bequem mit einem Aktenordner füllen könnte.

Unsere Protagonistin – nennen wir sie die „Göttin der lückenlosen Überwachung“ – hatte in der Vergangenheit unmissverständlich klargestellt: Nichts, aber auch gar nichts, darf ohne ihre Kenntnis geschehen. Jede E-Mail, jeder Furz im System sollte über ihren Schreibtisch gehen. Kontrolle ist schließlich das neue Vertrauen.

Doch in dieser besagten Videokonferenz erlebten wir die spektakuläre Implosion dieses Konzepts. Das Bild in meiner Teams-Kachel verfärbte sich langsam von einem gesunden Büro-Teint in ein bedrohliches Magenta. Ich war kurz davor, den betriebsärztlichen Notdienst zu rufen, weil ich ernsthaft um die Integrität ihrer Blutgefäße bangte. Aber keine Sorge: Ich habe den Notdienst nicht gerufen – ich wollte die Show schließlich nicht vorzeitig beenden.

Sie redete sich um Kopf und Kragen, stammelte vor Wut und Verzweiflung und ließ ihren ungefilterten Unmut über die „E-Mail-Flut“ in die Runde ergießen. Offensichtlich hatte die Realität sie mit ihren eigenen Forderungen erschlagen. Inmitten dieser verbalen Kernschmelze meldete sich plötzlich eine andere Leitungskraft trocken zu Wort und gab ihr den wohl wichtigsten Rat des Tages:

„Atmen nicht vergessen!“

Und dann kam die Offenbarung, die mir fast das Headset vom Kopf rutschen ließ: In einem Moment seltener (und vermutlich ungewollter) Ehrlichkeit gestand sie, dass sie es oft erst gegen Feierabend schafft, überhaupt den Rechner einzuschalten. Um 16:50 Uhr – also zehn Minuten vor dem offiziellen Ende der Zivilisation – wagt sie den mutigen Blick in das digitale Postfach.

Man muss sich das bildlich vorstellen: Während der Rest der Welt den Arbeitstag reflektiert oder bereits den ersten Feierabend-Kaffee genießt, drückt die Leitungskraft den Power-Knopf, um sich den Frust des restlichen Tages in geballter Ladung abzuholen. Es ist eine ganz eigene Form von Masochismus. Die Auswirkungen dieser „High-Speed-Administration“ ließen nicht lange auf sich warten. Meine hochqualifizierte Verwaltung flüsterte mir heute zu, dass die Dame gerade eben – wir haben Mitte Februar – ein Dokument vom 13. des Monats „zur Kenntnis genommen“ hat. Ein Zeitverzug, der in der IT-Welt einer halben Ewigkeit entspricht, in der Welt der totalen Kontrolle aber wohl als „gründliche Prüfung“ durchgeht.

Fazit: Wenn du der Kapitän sein willst, solltest du das Schiff nicht erst betreten, wenn es bereits im Hafen liegt und die Mannschaft schon beim Landgang ist. Wer die totale Kontrolle fordert, aber erst um zehn vor fünf die digitale Welt betritt, darf sich nicht wundern, wenn ihn die E-Mails wie eine Lawine überrollen.

In diesem Sinne: Ich schalte meinen Rechner morgen auch erst um 16:55 Uhr ein. Mal sehen, wie weit ich mit der Strategie komme.

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